Firun zum Gruße!
Die Gegend am Fuße des Finsterkamms ist jetzt, im Firunsmond, in frostigem Schweigen erstarrt, weder Wind noch Schneeschauer wagen die Stille zu brechen. Eine dicke weiße Decke liegt über den Fluren, über den steinübersäten Grasmatten, über den vielen munteren Bächlein und den verkrüppelten Stauden der Wildrosen und wird von den Strahlen der Praiosscheibe mit einem kristallenen Glanz überzogen.
Die Last droht die kräftigen Äste der Tannen zum Brechen zu bringen, nur hier und da gelingt es einem Zweig, sie abzuschütteln und ein Mal mehr jagt Ihnen, dem arglosen Wanderer, das Prasseln und Platschen in den Tiefen des undurchdringlichen Waldes einen gehörigen Schrecken ein!
Einige Tage lang hält das azurblaue Leuchten des Winterhimmels nun schon an, und mit ihm Ihre ausnehmend gute Laune. Hurtig schreiten Sie aus, unter funkelnden Eiszapfen hindurch und über knisternden Harsch, trällern einige Melodeien aus Ihrer Heimat in die Ruhe des Winterwaldes.
Am Wegesrand erkennen Sie ein Reh, und als Sie sich vorsichtig nähern, macht das sonst so scheue Tier keine Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Einige Eichhörnchen huschen unmittelbar vor Ihren Füßen über den schmalen Waldpfad, und ein Specht unterbricht sein monotones Klopfen nur kurz, als Sie an ihm vorüber wandern. Ob die Tiere hier so selten einen Menschen zu Gesicht bekommen, daß ihnen die Furcht vor Jagd und Nachstellung fremd ist? Oder aber hat sie der Kampf gegen Hunger und Eis schon so sehr geschwächt, daß selbst die Kraft zur Flucht sie verläßt?
Diesen Gedanken nachhängend ziehen Sie den pelzgefütterten Wollumhang enger um Ihr Wams, denn trotz des strahlenden Sonnenscheins ist Firuns Hauch deutlich zu spüren. Die Kälte ist zwar leidlich zu ertragen, aber dennoch greifen Sie ab und zu in Ihren Rucksack und kramen das Fläschlein Brombeerschnaps hervor, das Sie gestern in einem kleinen Örtchen gekauft haben. Dort hatten Sie auch hochschaftige, pelzgefütterte Stiefel aus kräftigem Schweinsleder erstanden, die das Wandern zu einer rechten Lust machen.
Sie kommen gut voran, und aus Ihrem zaghaften Bestreben, in weniger als einer Woche über den Paß zu gelangen, scheint tatsächlich Wirklichkeit zu werden. Ein Glück - denn sollten Firuns Sendboten jetzt noch mit aller Macht und Härte zur Erde finden, würde dies das Überqueren des Passes für Tage, wenn nicht sogar Wochen, unmöglich machen und Ihren Zeitplan vollends durcheinanderbringen!
Mit dem Finsterkamm, dessen mächtige, schneebedeckte Berge in der Ferne deutlich sichtbar in den Himmel ragen, hätten Sie dann den beschwerlichsten Teil Ihrer Reise hinter sich und den gefährlichsten. Denn schon mancher Wanderer starb hier vor Kälte und Hunger und die grausige Vorstellung, daß Ihr ausgemergelter Leichnam, womöglich von Wölfen zerfetzt, erst Wochen oder Monde später von glücklicheren Reisenden gefunden werden könnte, läßt Sie einen Wetterumschwung mehr fürchten als alles andere. Doch ist der Finsterkamm erst einmal überwunden, wird es nicht mehr lange dauern, bis Sie Lowangen erreicht haben, das Ziel Ihrer Reise. Eine Botschaft sollen Sie überbringen, und der Lohn für die gewagte Wanderschaft über das Gebirge war so hoch, daß Sie die versiegelte, mit Wachs gegen Feuchtigkeit geschützte Pergamentrolle des reichen Handelsherren ohne langes Zögern entgegennahmen, um sie in Lowangen einem befreundeten Kontorherren zu übergeben und Ihren Geldbeutel mit der zweiten Hälfte des Lohnes vollzustopfen.
Aber zur Zeit haben Sie wenig Sinn für schnödes Gold, für die Geschäfte der hohen Herren und die Gefahren eines verschneiten Bergpasses: Staunend betrachten Sie die glitzernde Märchenwelt rings umher, so fern von allem menschlichen Leben, spüren der wohligen Wärme des Brombeerschnapses in Ihrer Brust nach und stellen fest, daß Sie schon lange nicht mehr so glücklich waren...
Doch war da nicht ein leises Geräusch ein Geräusch, das hier nichts zu suchen hat..? Sie bleiben stehen und lauschen verwundert. Tatsächlich! Durch das dichte Gehölz dringen deutlich die hellen Klänge einer Laute, und eine wohltönende, männliche Stimme trägt dazu Verse vor, Strophen eines Ihnen unbekannten Liedes ...
"Uns ist in alten maeren
von grozen lobebaeren,
von minneclichen meid
wunders vil geseit."
Sie fragen sich verblüfft, was, bei allen Zwölfen, einen fahrenden Spielmann in diese unberührte Wildnis verschlägt, und schreiten neugierig in die Richtung, aus der Sie die Stimme des Fremden vernommen haben (1) ...