Abschnitt 30

Vor dem rauschenden Wasser des Mühlbaches lädt eine baumumstandene Bank zum Ausruhen ein. Dankbar lassen Sie sich neben Ihrem Freund nieder und hängen Ihren Gedanken nach. Bis jetzt können Sie sich zwar nicht beklagen, aber Sie zweifeln daran, daß die Überquerung des Gebirges immer noch unter diesem friedvollen Stern steht, und darum wollen Sie sich diese wohligen Stimmung nach Kräften verinnerlichen. Auch Brenwir scheint von der Romantik dieses Ortes beseelt, als er, einer plötzlichen Eingebung folgend, zur Laute greift und die fünfte Strophe seines Liedes dichtet ...

"Der ritter waz ir untertan,
ir herze mohte niht gewan.
des fuor er in ein vremde lant,
daz er im buoch geschriben vant."

Nachdenklich schaut Ihr Freund zu Boden; langsam beginnen Sie zu ahnen, daß dieses Lied mit seinem Schicksal verbunden ist. Und seltsam, Sie haben für kurze Zeit einen kaum wahrnehmbaren Schatten über Brenwirs sonst so fröhlichen Zügen erkannt. Doch ein Lächeln Ihres Freundes beruhigt Sie auf der Stelle, und Sie gleiten ab zu ganz anderen Gedanken Gedanken an die Schriftrolle in Ihrem Wams, an Lowangen, das Gebirge, an prall gefüllte Geldsäkkel, Schlittenglöckchen und klare Winternächte.

Erst als bereits die Dämmerung hereinbricht, öffnen Sie die Augen. Sie müssen wohl eine Zeitlang eingenickt sein, denn in Ihren Gliedern steckt noch die Müdigkeit. Brenwir sitzt am Ufer des Baches, auf beide Ellenbogen zurückgestützt, und betrachtet versonnen das Wasser. Als er bemerkt, daß Sie erwacht sind, erhebt er sich und sagt: "Komm, mein Freund! Laß uns zurückgehen zu der Wirtsstube. Ich könnt' eine warme Mahlzeit wohl vertragen, und das Fest wird auch bald beginnen."

Da hat er recht, der Bänkelsänger! Sie gehen rasch zur Herberge zurück. Die Giebel der Dächer werden von der untergehenden Sonne in ein liebliches Rosarot getaucht, und aus den Kaminen steigt Rauch auf (48) ...