Abschnitt 3

Zunächst fällt Ihnen das Wandern noch leicht, doch als der Pfad nach und nach steiler wird, die Berge immer höher neben Ihnen aufragen, beginnen Sie allmählich nach Luft zu ringen. Langsam tritt der Bewuchs zurück - nur noch spärlich wachsen Bäume und Strauchwerk seitlich des Paßweges, und die bunte Blütenpracht der sommerlichen Bergwiesen ist einer öden hellgrauen Schneedecke gewichen. Brenwir geht mit Ella voraus, die oftmals störrisch bockt, aber durch einen kurzen Ruck am Schweif zur Raison gebracht werden kann. Mehrmals drehen Sie sich um und wundern sich, welch lange Wegstrecke Sie bereits zurückgelegt, welch stattliche Höhe schon erklommen haben. Unter sich erkennen Sie den Pfad, über den Sie gekommen sind. Er schlängelt sich nach Corwick, dessen Dächer Sie eben noch ausmachen können.

Als Sie weiterschreiten, wird der Pfad zusehens steiler, und Sie erkennen nun auch die Gefahren, die er birgt. Manchmal fällt die Felswand zu Ihrer Rechten steil nach unten, während sich zu Ihrer Linken kaum erklimmbare Berghänge türmen - der Pfad ist dann kaum zwei Schritt breit, und an vereisten Stellen kann ein Fehltritt verhängnisvolle Folgen haben. Sie beneiden insgeheim den Spielmann: Von Atemlosigkeit ist ihm nichts anzumerken im Gegenteil, er summt vergnügt vor sich hin und dichtet schließlich eine weitere Strophe seines Liedes:

"Brennewir, kuen unt lobeliche.
er kam in edel küneges riche,
er sah vil manege schoene meit,
doch verlies in niht daz groze leit."

Doch Sie können diesmal an der Dichtkunst keinen Gefallen finden, denn zu sehr konzentrieren Sie sich auf den schmalen Grat, auf dem Sie wandeln. Und als sich plötzlich dichte dunkle Wolken vor die Sonne schieben und ein brausender Wind aufkommt, ist es um Ihre gute Laune geschehen. Doch auch Brenwir betrachtet sorgenvoll die Wolken und deutet nach Corwick, dessen Dächer nur noch als winzige Punkte in der Ferne auszumachen sind. Dichter Schnee fällt dort nieder, und die Wolkenfront schiebt sich unaufhaltsam auf das Gebirge zu (16) ...