Abschnitt 27

Sie setzen sich in eine der letzten Reihen, zwischen das Gesinde und die wenigen Gäste der Ordensburg. Es dauert noch einige Zeit, bis alle Mönche, Novizen, Adepten und Bediensteten eingetroffen sind. Als das Licht der Praiosscheibe genau auf den Altar fällt, schließen sich die Tore. Die Hüter des Ordens nehmen seitlich des Altars auf den Hochsitzen Platz, und Nicola de Mott, der Hohe Lehrmeister, eröffnet die Messe mit einem kurzen Gebet. Anschließend versammeln sich die Adepten in einem Halbkreis hinter dem Altar und stimmen ein Lied an, dessen Sprache Sie sehr an die altertürmlichen Verse Brenwirs erinnert.

Bei diesem Gedanken halten Sie nach dem Spielmann Ausschau, doch so sehr Sie Ihren Kopf auch recken, nirgends ist Brenwir von Winhall zu entdecken... Ist es nicht Pflicht für jedermann, am Tagesgebet teilzunehmen? Was treibt Ihr Freund bloß die ganze Zeit? Sie schrecken erst aus diesen Gedanken auf, als Bruder Nicola eine längere Predigt zum schwierigen Thema der sogenannten "Großen Wunder" und ihrer Nachweisbarkeit beginnt.

Doch schon bald können Sie der Rede nicht mehr folgen und verfallen erneut in Grübeleien, die erst enden, als nacheinander Bruder Ansgar, der Kellermeister, Bruder Konradin, der Hüter der Gärten und Bruder Rochus, den Sie eventuell bereits als Hüter der Schriften kennengelernt haben, ein kleines Altarfeuer entzünden und dem Sonnengott ihre persönlichen Opfer darbringen, indem sie einige Tropfen Wein in die Flamme schütten, ein Bündel Kräuter und eine unbeschriebene Pergamentrolle verbrennen. Doch als anschließend ein wohlbeleibter Mönch zu einem nichtendenwollenden Sprechgesang ansetzt, kann Sie nur noch die Betrachtung des kunstvollen Säulenwerks vor dem Einnicken bewahren. Irgendwann aber öffnet der Hohe Lehrmeister endlich das Portal, und die Andacht ist beendet - Sie atmen auf.

Auf dem Hof umfängt Sie ein eisiger, ungewöhnlich scharfer Wind. Überhaupt scheint sich das Wetter abrupt verschlechtert zu haben - Wolken ziehen auf, und im Westen erkennen Sie deutlich dunkle Fäden, die zwischen Wolken und Erde in der Luft hängen. Als auch noch ein leiser Donnerschlag an Ihr Ohr dringt, sinkt Ihre Laune eingedenk des morgigen Weitermarsches auf den Tiefpunkt. Voller Sorge begeben Sie sich auf Ihre Kammer, nicht ohne noch einmal bei Ella im Stall vorbeigeschaut und dem Grautier eine Handvoll Hafer gespendet zu haben. Bis zum Abend verweilen Sie in Ihrer Kammer und betrachten den Klosterhof: Brenwir ist nirgendwo zu erblicken. Als die Glocke schließlich zum Abendmahl ruft, gehen Sie düsterster Stimmung in das Gesindehaus (71) ...