Abschnitt 19

Vor Ihnen erweitert sich der Paß nach Westen hin zu einem kleinen Bergtal, in dem die erbärmlichen Hütten eines winzigen Dorfes auszumachen sind. Nördlich des Dorfes erhebt sich ein mächtiger Felsen zu einem Plateau, auf dem eine Ringmauer einen Gebäudekomplex umgibt. Doch diese Gebäude nehmen Sie nur aus den Augenwinkeln wahr, denn Ihr Blick wird sofort eingefangen von einem mächtigen Bergfried, dessen Zinnen sich in schwindelerregende Höhen recken und sich gegen Madas schwaches Licht wie ein drohendes Omen aus der Dunkelheit schälen.

Eine merkwürdige Beklemmung kriecht Ihnen durch Mark und Bein, Ihr Blick klebt an dem riesigen Bauwerk, das sich nach Westen auf Höhe der Ringmauer erhebt, gen Norden und Osten aber direkt aus dem Fels zu wachsen scheint, und Sie überläuft ein eisiger Schauder nur das alte Geschlecht der Riesen kann diesen Turm hier mitten im Stein errichtet haben... Noch weiter im Westen überragen zwei Ziegeldächer die Mauer, doch sie nehmen sich geradezu winzig aus gegen die Kuppel eines gewaltigen Tempels im hinteren Teil der Anlage. Wer bei allen Zwölfen hat hier, in dieser Einöde im Herzen des Finsterkamms, einen so prunkvollen Tempelbau errichtet?

Doch da erinnern Sie sich an die Worte eines Händlers in Greifenfurt, der von einer mächtigen Ordensburg inmitten des Gebirges sprach, dem Kloster des sogenannten Hüter-Ordens, der sich ganz den Gesetzen und Riten des Gottes Praios verschrieben hat. Ja, das Herz dieses Glaubens, darum wird es sich hier handeln...

Auch Brenwir von Winhall scheint von dem düsteren Anblick der mächtigen Ordensburg gebannt zu sein. Seine Lippen flüstern leise Worte, und mit Verwunderung vernehmen Sie ein erleichtertes "endlich..." wußte Ihr Gefährte etwa von diesem Ort? Grübelnd folgen Sie dem Bänkelsänger, der nun rasch, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, weiterschreitet. Vom Paß aus schlängelt sich neben dem ärmlichen Dorf ein kleiner, steiler Pfad hinauf zu dem Torturm - abweisend wie die gesamte Anlage, erhaben und beängstigend zugleich.

Sie passieren den Fuß des Bergfrieds, und als Sie einen Blick empor wagen, haben Sie das Gefühl, als würden aus den schmalen Scharten unsichtbare Augen jeden Ihrer Schritte verfolgen... Dann endlich erreichen Sie die zwei Schritt hohe Umfassungsmauer und treten zaghaft an die Pforte, wo Sie um Einlaß und ein Nachtquartier bitten wollen (4).